Eine Einladung an den Verstand

Natürlich möchte der Mensch „seine Welt“ verstehen. Natürlich möchte man sein Leben mit dem Verstand, mit der Vernunft steuern. Wäre ja auch praktisch, weil man dann alles schön durchplanen könnte. Aber so „ist“ das Leben nicht. mittelhirnfreunde.de ist eine Einladung an den Verstand, sich mit dem Mittelhirn zu solidarisieren.

Im Mittelhirn leben das unwillkürliche Empfinden und Erleben zusammen mit der Lebensbibliothek (was ich mir an Sätzen und „Wahrheiten“ eingeprägt habe) der Lebensvideothek (erfreuliche und unerfreuliche Filmsequenzen, auch lebendige Erfahrungen genannt) und der Lebensbildergalerie (Skizzen und Gemälde von Menschen und erlebten / erdachten Situationen). Im Mittelhirn werden permanent Bilder aufgerufen, Bilder entworfen, Szenen entwickelt. Hier liegen viele Schätze des Lebens. Gegen die Bilder aus dem Mittelhirn kann man niemals arbeiten – mit ihnen immer. Dafür steht diese Internetseite.

Bei allem Verständnis für das Verstehenwollen: Der Verstand ist auf verlorenem Posten, wenn er alles alleine regeln soll. Viele Menschen haben vieles von ihrem Leben verstanden. Das Verstehen allein hilft jedoch wenig im Alltag, weil das Unwillkürliche dem Verstehen und dem Verstand permanent Striche durch die Rechnungen macht, und das mit gutem Grund.

Ein Beispiel für unwillkürliche Abläufe, eine kurze Geschichte mit zwei denkbaren Ausgängen: Jemand will oder soll (oder meint, er sollte) eine Aufgabe übernehmen, obwohl klar ist, daß diese Aufgabe mit den momentan verfügbaren Mitteln nicht zu schaffen ist. Dem Verstand sollte das klar sein, aber der Verstand möchte die Rechnung ohne die erforderlichen Ressourcen (Zeit, Geld, Informationen) machen, weil die Aufgabe unaufschiebbar scheint. Ganz von allein stellen sich – ohne Fehler in der Ernährung – nach kurzer Zeit Kopfschmerzen ein oder Verdauungsbeschwerden oder Schwindelgefühle. Das ist die Vorgeschichte.

Hier die verstandgesteuerte Fortsetzung der Geschichte: Wenn bei Kopfschmerzen oder Verdauungsbeschwerden oder Schwindelgefühlen nur der Verstand etwas zu melden hat, könnte der Verstand sagen: Wir sind krank, wir müssen zum Arzt und die Krankheit behandeln lassen. Wenn der Arzt ebenso denkt wie der Verstand, verschreibt er der Person Medikamente gegen die Kopfschmerzen, die Verdauungsbeschwerden und die Schwindelgefühle. Die Medikamente können aber kaum bzw. gar nicht wirken, weil die Ursache für die Beschwerden an anderer Stelle zu suchen ist: im Mittelhirn, wo z.B. längst ein Bild vom Scheitern an dieser Aufgabe feststeht. Den Verstand aber kümmert das nicht, und so bewertet der Verstand des „Patienten“ den Zustand des Körpers als negativ, und so eskaliert eine Entwicklung von Krankheitserleben. Und die Aufgabe bleibt liegen.

Jetzt die mittelhirngestützte Fortsetzung der Geschichte: Wer beim Auftauchen von Phänomenen wie Kopfschmerzen oder Verdauungsbeschwerden oder Schwindelgefühlen innehält und diese als wertvolle Hinweise aus dem Mittelhirn zu lesen versteht, wird nicht gleich zum Arzt, sondern mit Selbstachtung und Geduld in sich gehen. Wer sich für einen Rundgang in seiner Lebensbildergalerie (liegt im Mittelhirn) entscheidet (für diesen Rundgang kann der Verstand ausgezeichnet genutzt werden) kann dort möglicherweise Bilder von anderen Situationen antreffen, in denen er bereits gescheitert ist oder Erzählungen von anderen über das Scheitern. Solche Bilder kann man nutzen. Denn wenn man sich fragt, was benötigt wird, damit die anstehende Aufgabe erfüllt werden kann, können Bilder von einer idealen Entwicklung entstehen. Was benötige ich, damit ich im Umfeld dieser Aufgabe eine gute Entwicklung gestalten kann? Mehr Zeit? Mehr Informationen? Eine Veränderung der Aufgabe? Wer so mit sich umgeht, kann prompte Unterstützung aus dem Mittelhirn erhalten. Phänomene wie Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden oder Schwindelgefühle sind ab hier nicht mehr erforderlich: weil sich der Verstand das Mittelhirn befragt – und Antworten erhalten hat.

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Alles hat eine Funktion. Die Angst. Die Depression. Die Allergie. Die Adipositas.

In einer vom Verstand determinierten Welt ist die Versuchung verständlich, besonders die unerwünschten Phänomene aus der Welt zu schaffen. Angst, Depression, Aggression, Allergie, Adipositas, Erschöpfungszustände: Wenn Phänomenen mit dem Verstand kein Funktionszusammenhang zugewiesen werden kann, werden sie schnell als überflüssig – als einseitig negativ-konnotiert behandelt, bekämpft, zu beseitigen versucht. Ein verdeckt – weil dem Verstand in der Großhirnrinde verborgener – bestehender Funktionszusammenhang bliebt dabei bestehen und wirkt fort: bei einer Angst möglicherweise ein im Leben des Patienten einst lebensrettendes, jedoch heute nicht mehr notwendiges Muster, bei der Depression eine von Herzen kommende, jedoch mit dem Verstand nicht analysierbare Ausdrucksform unerfüllter Anliegen oder nicht gelebter Trauer, bei der Allergie eine lebensnotwendige Reaktion auf Giftstoffe, s. Artikel im SPIEGEL, bei der Adipositas ein Mittel zur Regulation von Nähe und Distanz, von Erfüllung, von Loyalität usw.

Die Eigendynamik eines unwillkürlichen Ablaufes kümmert sich nicht um Anweisungen des Verstandes

So verschieden die beschriebenen Phänomene (Symptome genannt) auch sind – eines haben sie gemeinsam: Verborgene Funktionszusammenhänge können eine starke Eigendynamik (dann vom Verstand als Therapieresistenz oder Verschlimmerung bezeichnet) entwickeln, gerade dann, wenn ein folgerichtiges Resultat der Funktion (ein Symptom, z.B. ein Angstzustand) einseitig wegtherapiert werden soll. Der Funktionskreislauf bleibt bestehen, das System kann darüber sogar eskalieren. Auch der psychologisch geschulte Verstand kann nur einen kleinen Teil jener Kreisläufe erfassen, die auf unwillkürliche Weise ablaufen. Sobald sie auf der Mittelhirnebene betrachtet und in ihrem klugen Zusammenhang gesehen werden, verlieren sie ihren Schrecken und ihre Belastung wie von alleine (so unwillkürlich, wie sie entstanden sind) und können ins Leben integriert werden.

Was bereitet mehr Angst als die Idee, ein Leben lang ohne Angst leben zu müssen?

Kann etwas kann mehr deprimieren als der Anspruch, dauerhaft erfolgreich gegen Phasen der Niedergeschlagenheit und der Erschöpfung ankämpfen zu müssen?
Gibt es eine größere Belastung, als beim einseitigen Blick auf Kalorientabellen, Diätpläne und die Waage die Verbindung zu jenen Umständen immer mehr zu verlieren, die im Leben endlich mehr Gewicht bräuchten?
Allergisch wirkende Reaktionen (phobische, aggressive u.a. Muster) auf bestimmte Situationen, auf Verhaltensweisen bzw. auf Mitmenschen erfüllen wie die über Allergene erklärbaren Allergien eine Schutzfunktion. Weiter nichts. In einer mittelhirnintegrierenden Therapie wäre zu explorieren, was zu schützen ist, wie es zu schützen wäre und wie es sich aus der Sicht der Betroffenen auswirken würde, wenn der Schutz künftig sichergestellt werden könnte. Allein dies – und das ist durch Erfahrungen in der Therapie belegt – kann bereits eine gewünschte Veränderung bahnen.

Der Verstand und das Mittelhirn in respekt- und rücksichtsvollem Miteinander: Idealbedingungen für ein gelingendes Leben

Eine für die Klienten günstige Zukunft von Psychotherapie und Psychiatrie liegt in der Vergegenwärtigung der Tatsache, daß der Verstand niemals der Befehlshaber im System sein kann, sondern eher ein Fragender, ein Wegbereiter, ein Gestaltungspartner und Berichterstatter für die unendlich reichen, enorm flexiblen und dem Menschen dienen wollenden Potentiale im Unwillkürlichen (auf der Mittelhirnebene), das sich in erster Linie sprachlos über körperliche Phänomene äußert: sprachlos und stets im Klartext.

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Das Großherzogtum Großhirnrinde und die wundersame Welt darunter

Wahrscheinlich hat er seinen Wohnsitz in der Großhirnrinde. Der Verstand bietet viele Vorteile: etwa bei der Planung einer Urlaubsreise, einer Karriere, beim Bügeln eines Hemdes oder der Berechnung der Statik einer Brücke. Die in Zahlen und mit Worten darstellbaren Eckpunkte des Alltags lassen sich mit dem Verstand erfassen, diskutieren, auch kritisieren usw.

Sobald es um das Leben als Ganzes geht, also um die Einheit von Körper und Geist, kommt der Verstand an seine natürliche Grenze. Diese Grenze kann der Verstand aber weder erkennen noch anerkennen, so lange er sich als Solist auf Bühne der Wahrnehmung betätigt: als Solist, der das Lied vom vermeintlichen Wissen, der Interpretations- und der Entscheidungshoheit spielt. Aus Sicht des Verstandes erscheint es vernünftig, alles regeln zu wollen, denn alles, was nicht vernünftig erscheint, kann nur unvernünftig wirken. Verständlich. Und gleichzeitig trügerisch.

Wo der Verstand endet, beginnt eine Weisheit, die aus der Region unterhalb des Verstandes kommt: aus dem Mittelhirn. Dort und noch eine Ebene tiefer liegen und leben die Erfahrungen, Bilder und Filmsequenzen des Lebens, mit denen auf der Basis bisherigen Erlebens hochgerechnet wird auf Kommendes. Dort ist auch das zu Hause, was man als Ahnung erlebt, als Intuition, was dem Verstand die Grundlagen für Entscheidungen liefert. Dort wohnt das, was sich z.B. über das Gefühl im Bauch oder in der Brust artikuliert, über Angst, über Zittern, Heißhunger, Druck oder Enge und natürlich über Glücksgefühle. Die Abläufe im Mittelhirn sind viel schneller als die Denkvorgänge des Verstandes. Der Verstand kann das unwillkürliche Erleben, das aus dem Mittelhirn im Körper ankommt, kommentieren – und darauf reagieren. Er kann dem unangenehmen Gefühl im Bauch zu befehlen versuchen, das Weite zu suchen – mit dem ziemlich sicheren Erfolg der Verstärkung des unangenehmen Gefühls. Der Verstand kann bisweilen rigide und starrsinnig wirken. Wie ein besserwisserischer Großherzog. Man könnte hier zur Ehrenrettung des Verstandes vorschlagen: nicht rigide und starrsinnig, sondern einseitig eingesetzt.

Sobald sich der Verstand in wohlwollender Offenheit wertungsfrei auch dem zuwendet, was sich ihm in seiner direkten Nachbarschaft aus dem Mittelhirn anbietet – den Bildern, die aufsteigen (auch den unerwünschten), den Gefühlen, die sich in körperlicher Form zeigen (auch den schmerzhaften), und sobald er diese Phänomene als folgerichtige Ergebnisse natürlicher Abläufe zu verstehen gelernt hat, dann ist er einen Schritt weiter, der Verstand.

Dann ist der Verstand in der Lage, sich in eine Beobachterposition zu begeben und intelligent auf das zu reagieren, was ihm die Weisheit vorschlägt. Nicht von oben herab, sondern mit Übersicht. Nicht im Kampf gegen das Unwillkürliche, sondern in Einheit und Einigkeit und mit gegenseitiger Unterstützung.

Ab hier werden das Leben und das Erleben als stimmig erlebt. Hier werden Gesundung und Gesundheit möglich. In dem Moment, in dem davon abgelassen wird, das zu pathologisieren und wegzuwünschen, was untrennbar zum Leben gehört, setzen sich im Gehirn von alleine kreative Prozesse in Gang, kommt Bewegung in Blockaden, beginnt das Leben zu fließen. Das registriert dann der Verstand – und kann es dauerhaft unterstützen.

Das Leben ist kein Wunschkonzert? Doch.

Natürlich ist das Leben ein Wunschkonzert.

Man kann sich das Entstehen des täglichen Erlebens vorstellen wie eine große Kadenz, die nach Auflösung strebt. Ein Orchester aus achtenswerten inneren Anteilen, in dem die Sehnsucht oft die erste Geige spielt, führt in jedem Menschen ununterbrochen kleine und große Symphonien auf: Da werden Anliegen vorgetragen, Wünsche und Träume. Glücklich, wer seinem Orchester Platz gibt und Gehör schenkt, auch wenn nicht alles immer gleich umzusetzen ist, was da zu hören ist. Glücklich, wer die Musiker seines inneren Orchesters nach und nach einlädt, sich mit ihnen zusammensetzt, ihnen zuhört und ihnen den Raum gibt, den sie verdienen. Dirigieren kann man dieses Orchester nicht. Dafür kann man ihm optimale Bedingungen und Zeiten für seine Auftritte schenken.

Wer versucht, seine Lebenswünsche dauerhaft zu leugnen und zu unterdrücken bzw. in Umständen lebt, in denen Wunschkonzerte untersagt sind, kann irgendwann einen Paukenschlag aus dem Orchestergraben hören, verbunden mit schmerzhafter Disharmonie: Depression, Burn-Out, Allergie, Angst, Adipositas, Zwang. In jedem Leben gibt es zwar andere Partituren für die Wende, der Auftakt ist jedoch stets unüberhörbar.

Das Bild mit dem Wunschkonzert kommt direkt aus dem Mittelhirn. Vernünftig ist dieses Bild nicht, es kann sich im einen oder anderen Verstand zunächst sogar Widerstand regen. Das ist in Ordnung, denn so ist es nun einmal, das Gehirn. Der Verstand kann das Bild vom Wunschkonzert nach und nach übernehmen und auf diese Weise mit dem Mittelhirn diplomatische Beziehungen aufnehmen. Der Verstand kann dem Mittelhirn zum Beispiel mitteilen, daß das Leben nicht allein aus Wünschen besteht, sondern auch aus Aufgaben. Recht hat er, der Verstand, kann das Mittelhirn zurückmelden. Wenn der Verstand unseren Bildern und Anliegen als Orchester unseren Raum gibt, ist alles gut. Wenn nicht, dann legen wir den Laden lahm: bis wir zum Zusammenspiel kommen, bis wir zu den gegebenen Zeiten unseren Auftritt bekommen.

Mittelhirnfreunde i.V.

Mittelhirnfreunde könnte als i.V. verstanden werden: als innerer Verein, den die verschiedenen Seiten der Persönlichkeit gründen. Dieser Verein kann es zum Vereinszweck erklären, die vielfältigen Erfahrungen aus der Mittelhirnregion zu nutzen und dem Großhirn immer wieder zur Verfügung zu stellen, wenn es natürlicherweise damit überlastet ist, alles alleine auf der Verstandesebene regeln zu wollen.

Selbstverständlich können dem Mittelhirn i.V. alle natürlichen Personen und Persönlichkeitsanteile – diese sogar einzeln – beitreten. Es kann bereits eine interessante Erfahrung sein, wenn zunächst für den Anfang eine besonders vorsichtige innere Seite dem Mittelhirnfreunde i.V. beitritt, um zu prüfen, wie es sich auswirkt, aus dem Mittelhirn kommende Bilder, Filmsequenzen, Erfahrungen, Empfindungen als unwillkürlich und schnell anzuerkennen und sie dann zu nutzen, statt sich verstandesmäßig gegen sie aufzulehnen.

Mittelhirn i.V. ist das Ergebnis eines Mittelhirnprozesses; da wurde offenbar ein Antrag gestellt, das unwillkürlich stattfindende Brauchtum der tieferen Hirnregionen in den gesamten Wahrnehmungs- und Handlungsalltag zu integrieren. Mit dem Verstand kommt man auf so etwas nicht: was erfreulicherweise erneut auf seine Grenzen hinweist.

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Lernen: gestaltbare Beziehungen zwischen Gedanken

Gedankenverbindungen kann man sich hilfsweise wie Beziehungen zwischen Menschen vorstellen: Wenn – auch sehr unterschiedliche – Gedanken aus Leidenschaft, voller Zustimmung zusammenfinden und die Vernunft ihren Segen dazu gibt, kann das entstehen, was man als Gelingen und Glück bezeichnet. Treffen Gedanken in Situationen großer Not aufeinander, können sie Verknüpfungen bilden, eine Schicksalsgemeinschaft, die Gesetze in die Welt setzt, von denen das innere und äußere Leben regiert werden. Von außen betrachtet spricht man vom Unglück. Unzufriedenheit und Unglück können andauern, bis im Leben eine Veränderung erstrebt und zugelassen wird.

In der Hirnforschung lassen sich Gedankenverbindungen (Synapsen) beobachten. Physikalisch gesehen sind sie sehr klein, auch wenn sie große Wirkung zeigen. Was auf der mikroskopischen Ebene gilt, kann aufs Leben übertragen werden. Gerade die kleinen Veränderungen in der Wahrnehmung und Bewertung von Phänomenen können zu enormen Veränderungen im Leben führen. Die Versuche, mit einem Schlag große Gedanken- und Gewohnheitsumbaumaßnahmen umzusetzen, landen meistens in Geschichtsbüchern, auf denen „Guter Vorsatz“ steht, „Diät“ oder „Streitfreie Ehe“.

Wenn man sich die günstigen Verbindungen im Gehirn als gute Beziehungen von Gedankennetzwerken vorstellen möchte, dann braucht man diese eigentlich nur zu unterstützen, um ein erfülltes Leben zu führen. Und wie sieht es mit den scheinbaren Vernunftehen aus, die nur deshalb entstanden sind und sich halten konnten, weil dem Verstand entscheidende Informationen aus dem Mittelhirn nicht zugänglich waren und sich ein Bild verfestigte, das als richtig und wahr erschien, jedoch keineswegs wahr ist?

Eine solche, nur vordergründig vernünftig wirkende Gedankenverknüpfung kann vorliegen, wenn eines Tages eine Erfahrung gemacht wurde, die zu einer Schlußfolgerung verführte. Ein Beispiel: Im Vorschulalter erlebte ein Klient eine Situation, die er so interpretierte, als hätte er sich an seiner Familie schwer versündigt. Einige Jahrzehnte und zwanzig Psychiatrieaufenthalte später sprach er sich selbst von der erdachten Schuld frei, indem er neben der scheinbar (aus der Sicht eines Fünfjährigen) schlüssig wirkenden Gedankenverbindung eine neue Gedankenverbindung entstehen ließ. Die neuronale Plastizität erlaubt in jedem Alter mikroskopisch kleine Hirnveränderungen, die zu glücklichen Entwicklungen im Leben führen können.

Gedanken und Haltungen entstehen unwillkürlich, sie kommen schnell und sind nicht zu löschen. Gedanken und Haltungen werden flexibel, sobald sie angesehen, beachtet, geachtet und angenommen werden. Der Verstand kann beim Beobachten wertvolle Dienste leisten: immer als Mittelhirnfreund.

Gelingende Therapie ist u.a. die Illustration von Abläufen, die sich willentlich nicht beeinflussen lassen

Sobald der Verstand die sinnvollen unwillkürlichen Abläufe im Gehirn erkennt und als mit dem Willen unbeeinflußbar annimmt, kann er damit beginnen, den unwillkürlichen Abläufen als Kooperationspartner wohlwollend und bewußt zur Seite zu stehen.

Wenn sich die Gesellschaft und die Therapie von der Abwertung und der Idee vom „Ausmerzen“ von Phänomenen („Symptomen“) verabschieden, kann Raum werden für einen wertschätzenden inneren wie äußeren Dialog.

Mittelhirnfreunde ist ein etwas anderer Verein: der Verein, dem nach und nach die inneren Seiten des Menschen beitreten können, die bisher im Wettbewerb um die Deutungshoheit und die Machtverhältnisse im Leben und Erleben standen. Die Mitgliedschaft in diesem Verein kostet nichts und bringt nur Vorteile. Hier ist zwar nichts steuerlich absetzbar, dafür aber alles steuernd einsetzbar. Eine Satzung dieses Vereins wird noch geschrieben.

Ein zu großes Sofort-Ziel führt schnell zu einem Problem. Willenskraft ist bei weitem nicht alles. Johannes Faupel arbeitet mit der illustrativ-systemischen Therapie

Den Verstand denken lassen und dabei das Unwillkürliche verstehen lernen

Hier geht es um Empirie für den Alltag und im Alltag. Es geht um Erfahrungen, die dabei entstehen, wenn Denkprozesse mit unwillkürlichen Abläufen zusammentreffen und dabei durchaus auch mit ihnen kollidieren.

„Ich sollte jetzt auf keinen Fall erröten“ sagt der Verstand, und ein wenig weiter unten im Hirn kümmert sich niemand um diese Dienstanweisung; es wird spürbar warm in den Wangen, nicht aufzuhalten. Wenn dann noch blitzschnell die Erwartung aufgebaut wird, alle Umstehenden würden über den Kopf den Kopf schütteln, ist das Szenario komplett.

Gegen solide Denkprozesse ist nichts einzuwenden, so lange das Denken weiß, wo seine Grenzen sind. Die Idee, man könnte vom Kranführersitz im Kopf aus alles per Knopfdruck bis tief ins Fundament des Gehirns steuern und regeln: Aggression, Niedergeschlagenheit, Trauer, Angst usw., führt zur Erfahrung von Enttäuschungen, die ihrerseits zu weiteren Denkanstrengungen führen, auf mentaler Ebene etwas zu verstehen, um es dann zu dirigieren.